von Robin DonatWenn man in dieser Woche am Plaza de Mayo vorbeikommt, wird einem unweigerlich etwas auffallen. Mitten auf dem Platz steht ein Holzhaus. Aber nicht nur das: Es steht auf einer Säule in 15 Metern Höhe. Natürlich fragt man sich da, was das soll, und man könnte denken, es handele sich um eine weitere Wahlkampf-Aktion irgendeiner Partei.
Das Plakat unter dem Haus verkündet:
Para esta casa sobran candidatos! – Für dieses Haus gibt es zu viele Kandidaten! Eine Aussage, die gerade im Hinblick auf die Wahlen im Oktober viel Aufmerksamkeit erregt, auch durch die Bedeutung des Ortes, direkt vor der Casa Rosada (dem Präsidentenpalast) und der Stadtverwaltung.
Casa en el Aire, Haus in der Luft, ist eine Aktion der gemeinnützige Organisation Un Techo Para Mi País (Ein Dach Für Mein Land). Sie will sich allerdings nicht in den Wahlkampf einmischen, sondern auf ein ganz anderes Problem aufmerksam machen: die extreme Armut, in der über 180 Millionen Menschen in Südamerika leben. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe von jungen Freiwilligen die Situation zu verbessern. Die erste Phase des Plans besteht dabei in der Konstruktion eben solcher Häuser, wie nun eines über dem Plaza de Mayo schwebt. Für uns mögen diese Häuser vielleicht mehr wie ein Gartenhaus, als wie ein Zuhause für eine Familie erscheinen, aber für die Familien in den Armenvierteln ist es eine unglaubliche Verbesserung der Lebensumstände. In diesen Häuser regnet es nicht durchs Dach, der Wind pfeift auch nicht durch die Wände und wenn alles überschwemmt, bleibt die Familie dank der Pfeiler, auf denen das Haus steht, trotzdem trocken.
In den späteren Phasen sind weitere Verbesserungen der allgemeinen Lebensumstände in den Armenvierteln das Ziel, z.B. durch die Einrichtung von Arbeitsgruppen, dem Angebot von Mikrokrediten, oder dem Angebot von Bildung für Kinder und für Erwachsene. Dadurch soll die Gemeinschaft gestärkt und die Umstände in den Vierteln als Ganzes verbessert werden, mit dem Ziel, dass sie am Ende selbstständig weiterarbeiten können.
Warum ich das alles schreibe? Vor gut zwei Monaten hat mich ein Bekannter eingeladen mitzukommen a detectar. Detektion ist das, was zuallererst gemacht wird, noch bevor Häuser errichtet werden können. Wir gehen in die Barrios und schauen dort, wo es besonders große Missstände gibt. Dann reden wir mit den Familien vor Ort und versuchen ihre Situation genauer zu verstehen, um nachher an Hand der Informationen und Eindrücke festzustellen, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird.
Trotz des Treffpunkts um 8:15 Uhr Samstags morgens am Plaza Italia (ca. 1 h Fahrt für mich), habe ich mich auch nach der ersten Detektion Woche für Woche wieder aufgemacht. Das lag zum Einen an den anderen Freiwilligen, mit denen ich mich sehr gut verstehe, zum Anderen aber auch an dem Einblick, den ich bekommen habe, in ein Argentinien, das ganz anders ist als jenes, welches ich bis dahin kennengelernt hatte.
Vor einem Monat stand das absolute Highlight an: die erste Construcción! Im Großraum Buenos Aires wurden an einem Wochenende von etwa 600 Freiwilligen 60 Häuser gebaut. Und ich war mittendrin. Wir schliefen das ganze Wochenende in Schlafsäcken in Schulen und bauten in kleinen Gruppen zusammen mit den Familien die Häuser. Dabei wurde natürlich auch immer wieder Mate getrunken und es blieb auch Zeit, um sich zu unterhalten und Juan und Nancy und ihre drei Kinder ein bisschen besser kennenzulernen.




Der Großteil der Zeit wurde allerdings dann doch mit Arbeiten verbracht. Zuerst mussten Löcher für die Pfeiler geschaufelt werden, dann wurde das Grundgerüst gebaut, auf dem die Bodenplatten und Wandelemente angebracht wurden. Darauf wurde der Dachstuhl errichten und dann mit Wellblechplatten bedeckt. Die ganzen Bauteile mussten allerdings zuerst von der ca. 200m entfernten Entladestelle zur Baustelle transportiert werden. Hierbei brachte das schlechte Wetter mit viel Regen dann endlich mal einen Vorteil. Man konnte die Bauteile mit Hilfe eines Spatens durch den knöcheltiefen Matsch ziehen.






Als am Sonntagnachmittag dann das Haus fertig war und „feierlich“ eröffnet wurde (ein himmelblau – weiß – himmelblaues Bändchen wurde von der Familie zerschnitten), konnte man die Dankbarkeit und den neugewonnenen Mut in den Augen von Juan und Nancy sehen.



Und wir sollten nicht enttäuscht werden: Als wir sie zwei Wochen später besuchen kamen, hatten sich bereits viel verändert. Das alte Haus war mit dem neuen verbunden worden und wird nun als Küche und Aufenthaltsraum verwendet. Dazu hatte Juan den Bereich vor den beiden Häusern überdacht und auch etwas windgeschützter gestaltet. Dort saßen wir dann den ganzen Vormittag, haben uns unterhalten und mit der Familie zusammen zu Mittag gegessen. Sie hatten durch das neue Haus unglaublich viel neue Motivation gefasst und schauen nun wieder mit Optimismus in die Zukunft.
In knapp drei Wochen ist die nächste Construcción. Dieses Mal werden 250 Häuser gebaut werden und es werden etwa 2500 Freiwillige involviert sein.
Ich werde auf jeden Fall wieder dabei sein!
Wer spenden möchte: http://www.untechoparamipais.org/?page_id=141
Un Techo Para Mi País: http://www.untechoparamipais.org/
Ein Einblick in extreme Armut in Südamerika: http://www.paisprecaria.org/#/video-precaria
Der Artikel in La Nación: http://www.lanacion.com.ar/1377355-una-casa-en-el-aire-concientiza-sobre-la-grave-crisis-habitacional
Viele Grüße aus Berlin!