von Mattias aus Buenos Aires
Um Großstädte in ihrem Sein und Wesen erfahren und verstehen
zu können, um die kleinen Besonderheiten des Alltags, die vielen kleinen,
speziellen Orte, Stimmungen und Stimmen wahrzunehmen, sollte man sie meiner
Meinung nach zu Fuß erkunden. In Buenos Aires, in jener besonderen Stadt, in
der ich in diesen Tagen lebe, trifft dies ebenfalls zu. Zudem gelingt es als
Fußgänger auch weitestgehend, dem morgendlichen Verkehrschaos, den hupenden
Blechmassen auf den Straßen und den sich aus den U-Bahn-Schächten zwängenden
Menschenmassen zu entgehen und das ganze Szenario von außen betrachten zu
können und möglichst pünktlich an sein Ziel zu kommen.
Wer jedoch seinen Beinen oder seinem Terminkalender längere Strecken
zu Fuß nicht antun und nicht permanent das löchrige Pflaster im Auge behalten möchte,
wer sich weniger über die bei plötzlichen Regenschauern auftauchenden
Regenschirmverkäufer freuen kann und gerne trocken ans Ziel kommt, kann in
Buenos Aires auf das umfassende Netz an Transportmitteln zurückgreifen.


Die unkomplizierteste und teuerste Variante ist die
Taxifahrt. Die rund 40.000 schwarz-gelben Wagen verschiedenster Modelle sind in
Buenos Aires omnipräsent und die Chancen stehen zu jeder Tages- und Nachtzeit
relativ gut, ein Taxi heranwinken zu können und sicher an der entsprechenden Straßenkreuzung,
einer Kreuzung abgesetzt zu werden. Es sei denn, es beginnt zu regnen (oft kurz
und heftig) und die Porteños retten sich auf die trockenen Rückbänke, um den Monologen
über die Lage der Stadt, des Staates und der Welt zu lauschen. Taxifahrten
können aufgrund des ausgeprägten Einbahnstraßensystems oftmals unübersichtlich
und verwirrend werden- ans Ziel kommt man jedoch meistens. In Reiseführern und
Ratgebern wird dazu geraten, aus Sicherheitsgründen ausschließlich mit den
„Radio Taxis“ zu reisen.
Obwohl die Taxipreise im innerargentinischen Vergleich
relativ niedrig sein sollen und in einer Gruppe zu stemmen sind (bei einer
Fahrt vom Stadtteil Palermo ins
Stadtzentrum ist momentan mit gut 25-30 Peso zu rechnen – umgerechnet 5-6
Euro), ist eine andere wesentlich kostengünstigere Alternative die städtische
U-Bahn, die Subte.
Die Subte
(Kurzform von Subterráneo = die Unterirdische) kann bereits auf eine lange
Geschichte zurückblicken, welche man ihr teilweise auch ansieht: Der erste
Abschnitt der Untergrundbahn wurde bereits im Jahre 1913 eingeweiht und stellte
somit das erste derartige Bahnnetz auf der südlichen Erdhalbkugel dar. Insgesamt
existieren aktuell sechs ausgebaute Linien, die von den Einheimischen meistens
durch ihre farbliche Markierung benannt werden: Während die Hellblaue (Linie
A), die Rote (B), die grüne D und die lila Linie E vom Microcentro aus in den
Westen der Stadt verlaufen, verlaufen die dunkelblaue C (vom Bahnhof Retiro zum
Bahnhof Costitucion) und die gelbe H parallel zueinander von Norden nach Süden
– und zurück versteht sich. Zusammen ergeben die Linien der Subte eine Strecke
von gut 53 Kilometern - die braune Linie F und die orangene Linie G sind bisher
nur in Planung. Bei einer Fahrt mit der Subte lohnt es sich auch, an einigen
Haltestellen länger zu verweilen, um Mosaike oder Fotografien näher betrachten
zu können: Diese stehen teilweise unter Denkmalschutz.
Eine Reise mit der Subte kostet auf dem heutigen Stadt 2,50
Peso, zu zahlen an den kleinen Boleterías im Untergrund oder durch Abbuchung an
den Drehkreuzen selbst durch die im Jahr 2009 eingeführte Smartcard SUBE, die
allerdings nur zeitenweise erhältlich ist.
Da die Subte allerdings im Allgemeinen spätestens um 22:30
Uhr ihren Betrieb einstellt, bieten sich für nächtliche Ausflüge die rund um
die Uhr „Colectivos“ an.
Die Diesel betriebenenen Busse verkehren auf rund 150 Linien
und sind in der Hand verschiedener privater Firmen. Für viele Porteños sind sie
durch ihren moderaten Preis (1,25 Peso ab 3 innerstädtischen Zonen, zu bezahlen
in Münzgeld oder per SUBE) und ihre Flexibilität das Fortbewegungsmittel Nummer
1, für einen Neuankömmling in der „Stadt der guten Lüfte“ ist das dichte Netz
der Linien jedoch schwer zu durchschauen. Einen im öffentlichen Raum
einsehbaren Streckenplan gibt es nicht, einen Zeitplan sowieso nicht, die Haltestellen,
im Idealfall mit kleinen gelben Schildchen markiert sind unter Umständen auch
schwer zu entdecken. Um dennoch den Durchblick zu behalten, ist der Kauf eines „Guia-T“
zur Planung einer Busreise Pflicht. Der „Guia-T de Bolsillo“ ist ein jährlich
erscheinendes, in jede Hosentasche passendes Heft, das nahezu an jedem Kiosk zu
erwerben ist und selbst für den Verkehrspolizisten bei Reisen von A nach B
weiterhilft.
Das System des Guia-T ist relativ einfach: Das Stadtgebiet
von Buenos Aires ist in 36 Karten unterteilt. Wer seinen eigenen Standort,
seinen Start- oder Zielpunkt nicht sofort auf einer dieser Karten ausmachen
kann, kann auch im umfangreichen Straßenverzeichnis einen Verweis auf die
entsprechende Karte finden. Die detaillierten Karten machen im Folgenden den
rechten Teil einer Doppelseite aus und sind in einem Koordinatensystem in 24
Felder unterteilt. Jedes dieser 24 Felder findet seine Entsprechung auf der
linken Seite. Für jedes Quadrat sind hier die Buslinien eingetragen, die es
durchqueren und Halt machen. Somit weiß man nun, welche Linien in irgendeiner
Weise im gut 20 Häuserblöcke umfassenden Feld verkehren. Wenn man nun auf einer
Karte sein Ziel ausmacht und die entsprechenden Buslinien der beiden Quadrate
vergleicht, ergeben sich Überschneidungen, die eine eventuelle Strecke ergeben
könnten. Im folgenden Busverzeichnis kann man nun die relevanten Buslinien
suchen und die Fahrtroute ermitteln. Dann kann man sich auf die Suche nach den
entsprechenden Haltestellen machen, was manchmal eine Herausforderung sein
kann. Die kleinen schwarzen Schilder sind oft schwer zu entdecken, manchmal
bedeutet aber auch schon eine an einen Baum genagelte Ziffer eine Haltestelle. Auf
der Suche nach den entsprechenden Haltestellen sei geraten, andere Wartende
oder Passanten zu fragen.



Außerdem bietet der Guia-T einige Informationsseiten zu den
Adressen von Bibliotheken, Kinos, Botschaften, Krankenhäusern und vieles mehr –
die Investition von 10 Pesos lohnt sich!
Auch wenn Busse, Taxis und U-Bahnen schnell und mit einigen Instruktionen auch unkompliziert ans Ziel führen, bleibt auch in den U-Bahnschächten, im Gedränge des Busses oder beim Blick aus dem Taxi-Fenster der Weg das Ziel, die Suche nach den kleinen Besonderheiten des Alltags.
Und Subte hat auch mal die Hälfte gekostet ...
Sehr interessanter Artikel!