von Valerie aus Posadas
Eine neue Woche in meiner Einsatzstelle in Posadas, Misiones. Die schwüle Hitze ist so drückend, dass ich schon auf meinem nur zehnminütigen Schulweg ordentlich ins Schwitzen komme. Obwohl Posadas die Hauptstadt der Provinz ist und normalerweise belebt, sind so früh am Morgen nur wenige Menschen auf der Straße, die mich wie immer mit freundlichen Blicken mustern und dann wieder dazu übergehen, sich Mate nachzuschenken.
Meine Woche beginnt in der EPET N°1, einer technischen Schule hier in Posadas, in der Deutsch als Wahlfach angeboten wird. Besonders markant sind die Schuluniformen der Schüler: sie tragen eine Art verwaschenen Blaumann, der es einem ermöglicht, Schüler der EPET schon von weitem zu erkennen. Da der Hauptanteil der Schüler männlich ist und ich keinen blauen Overall trage, betrete ich unter zahlreichen interessierten Blicken die Pforten der Schule und sofort schlägt mir das Surren und Brummen der Werkstatt-Maschinen entgegen. Im Deutschraum angekommen bemühe ich mich wie immer zuerst, die Deckenventilatoren weit aufzudrehen und danach meinen Tafelanschrieb durchzuführen – Guten Morgen/ Guten Tag. / Guten Abend. / Gute Nacht… Ich heiße... Ich wohne in… und so weiter. Es ist das dritte Mal, dass ich mit meinem Schüler Lucas, der ab August ein Jahr nach Deutschland gehen wird, die Begrüßung/ Verabschiedung und Vorstellung der Person wiederhole, was gar nicht so leicht ist, da Lucas sich vielmehr für die deutsche Kultur als für die Sprache interessiert. Und so schweift unser Gespräch an diesem Morgen immer wieder in Richtung deutsche Bundesliga und den Unterschieden zwischen argentinischen und europäischen Fußball ab. Als meine nächste Schülerin, Natalia, kommt, bitte ich die beiden, einen Dialog zu schreiben, in dem sie sich gegenseitig kennenlernen – die Aussprache bereitet zwar noch Probleme, aber dennoch bin ich immer wieder stolz, wenn dann doch ein paar deutsche Sätze den Mund meiner Schützlinge verlassen.
Wir beschließen, nächste Woche unbedingt die Zahlen zu üben, und verabschieden uns in die Siesta.
Nachmittags geht es am Instituto Gutenberg weiter, wo ich in einem Kurs der Secundaria mit der Lehrerin Ivanna deutsche Zungenbrecher übe. Wie so oft dauert es eine gute Weile, bis zumindest etwas Ruhe eingekehrt ist und die Kinder aufpassen. Besonders witzig ist es für die Kinder, zu sehen wie auch ich mich an Sätzen wie „Die Bürsten mit den weißen Borsten bürsten besser als die Bürsten mit den schwarzen Borsten bürsten“ quäle. Im Chor wiederholen wir die schwierigen Sätze immer wieder und ich bin überrascht, wie gut sich die Kleinen schlagen.
Im Anschluss helfe ich in Ingrids Deutschkurs bei der Vorbereitung von Mini-Präsentationen zum Thema „Orientierung im Alltag“. Zunächst sind noch einige Frage zu meinem Vortrag der vorherigen Woche zum Thema „la reunificación alemana“ im Raum, aber jetzt sollen die Schüler selbst ran und etwas vorstellen. Jeder Schüler sollte drei deutsche Sätze vorbereiten, z.B. zu Themen wie „in der Bäckerei“ oder „in der Bank“. Etwas belustigt muss ich feststellen, dass die Meisten sich einfach die erstbeste Übersetzung von Google gesucht haben, anstatt selbst zu übersetzen. Die Ergebnisse sind teilweise haarsträubend, teilweise einfach nur witzig, aber mit argentinischer Gelassenheit nehme ich mir Zeit, jeden Einzelnen Schüler noch mal zum Denken anzuregen und gemeinsam formulieren wir die Sätze.
Meine anschließende Lektüregruppe in Giselas Deutschkurs hat es wahrlich nicht leicht, denn am Ende eines langen Schultages erwarte ich sie mit meinen zahlreichen Fragen zum Inhalt des Buches „Gebrochene Herzen“, das wir gemeinsam lesen. So wundert es mich nicht, dass auf die deutschen Fragen, die ich stelle, nur spanische Antworten kommen. Um den Inhalt besser zu verstehen, erstellen wir eine Vokabel-Mindmap zum Thema „Verkehr“, was den Rest der Stunde füllt. Ich bin froh, dass die vier deutschen Austauschschülerinnen zum Abschluss des Tages einen Vortrag zum Thema „Deutsches Essen/Musik“ halten, bei dem ich mich zurücklehnen und einfach nur zuhören kann – auch wenn mir beim Klang bestimmter deutscher Musiker mal wieder klar wird, wie grässlich ich z.B. deutschen Schlager finde.

Am Mittwoch Morgen werde ich immer mit besonders herzlichen Umarmungen und Freudenschreien begrüßt – ich bin in der Primaria, in der ersten Klasse, wo die Lehrerin Lilly und ich gemeinsam das Buch „Rolfi, der kleine Hase“ lesen. Jedes Kind soll einen kleinen Rolfi in sein Heft malen und darunter „HASE“ schreiben – aber wofür selbst malen, wenn dass die Freiwillige viel besser kann? Und so verbringe ich den ganzen Morgen damit, kleine conejitos zu zeichnen und die eifrigen Fragen und Erzählungen der Kleinen zu beantworten. Als Dank kriege ich Schokokekse und selbst gemalte Bilder – „te quiero Valerie“ steht in schiefer Krakelschrift auf einem – oh man, wann war es das letzte Mal so leicht, Herzen für sich zu gewinnen?
Weniger leicht ist es, die Ohren der etwas älteren Kinder zu gewinnen, wie ich in der dritten Klasse feststellen muss. Unser Thema – las estaciones / die Jahreszeiten – hatte ich in der vorherigen Woche mit einem Vortrag vorgestellt. Aber heute sind alle Monatsnamen auf Deutsch und alles Erzählte schon wieder vergessen. Und als ich erneut probiere, das Rolf-Zuckowski-Lied „Die Jahresuhr“ zu singen, bin ich die einzige singt – der Rest der Klasse tobt und schreit lieber, egal wie oft ich „Hacemos silencio!“ rufe. Meine Bewunderung für die Lehrkräfte in Argentinien wächst mal wieder betrachtlich. Danach bin ich so erschöpft, dass ich Giselas Volkstänzekurs inklusive bayerischer Volksmusik einfach nur zugucke und nebenbei ganz meditativ mein Grammatikplakat zum Thema „Die vier Fälle“ weiterklebe.
In der EPET hingegen ist wieder voller Einsatz gefragt: gleich vier neue Gruppen, die Deutsch lernen wollen, und der Einstieg entscheidet oft darüber, ob die Kinder weiterlernen, oder nicht. Also geben Ingrid und ich alles, auch wenn es wirklich mühsam ist, immer wieder die Begrüßungsfloskeln durchzugehen. Zunächst schüchtert meine Anwesenheit die Kinder ein, aber nach ein paar Minuten bombadieren sie mich mit Fragen und probieren das neu Erlernte mit Freude an mir aus. Ein Erfolg !
Donnerstag und Freitag fällt die Schule aus, da aufgrund eines Dengue-Fieber-Falls die Räumlichkeiten ausgeräuchert werden müssen. Somit habe ich mehr Zeit, den Berg an Arbeit für die regelmäßige Lehrerfortbildung des Instituto Montoya für Deutschlehrer aus ganz Misiones zu bewältigen. Ich halte einen umfangreichen Vortrag über meine Heimatstadt Hamburg, muss mir eine Didaktisierung zum Thema „reflexive Verben“ überlegen, einen komplizierten spanischen Text über „paradigmas de la educación“ lesen und darüber zu diskutieren, welche Arbeitsmethoden für welche Altersstufe angemessen sind und wieso. Mit viel Mate lässt sich der Morgen gleich viel besser überstehen! Obwohl die Fortbildung wie immer absolut produktiv und lustig ist, bin ich nach einer vollen Woche in Posadas doch sehr geschafft und freue mich auf mein wohlverdientes Wochenende. Und so schlafe selbst ich, die normalerweise Mittags nie schlafen kann, unter der Hitze der misionerischen Sonne auf meinem Balkon ein…
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