von Giulia Specht aus Nueva Helvecia
Viajando… Weihnachten steht vor der Tür und diese Woche war nicht nur ganz anders als die besinnliche Vorweihnachtszeit in Deutschland, sondern auch ganz anders als mein Alltag in Uruguay, an den ich mich in dreieinhalb Monaten schon so gewöhnt hatte.
Die Woche beginnt für mich in Mendoza, Argentinien, wo ich um 7 Uhr durch das penetrante Piepsen meines Handyweckers geweckt werde und im Halbdunkeln die Umrisse der schlafenden Backpacker sehe, mit denen ich in diesem Hostel ein Zimmer teile. Enden wird diese Woche für mich in Nueva Helvecia und sie beschreibt meinen aufregenden und sehr ereignisreichen Weg zurück dorthin. Der Bus nach San Juan fährt um 9 Uhr los. Lukas und ich haben Plätze in der ersten Reihe und das ist für uns beide ein Highlight. Es ist wie in einem Simulator, als würde man selber den Bus lenken. Ein paar Mal habe ich das Bedürfnis ins Steuer zu greifen und wie ein guter Beifahrer trete ich manchmal auf die nicht vorhandene Bremse. Nach heiklen Überholmanövern und dem Überqueren von mehreren dunkelgelben Ampeln kommen wir in San Juan an. Neben den Mitreisenden scheinen wir die einzigen zu sein, die es hierher verschlägt und ich frage mich, warum genau ich noch mal nach San Juan wollte, wo Montevideo doch eigentlich die andere Richtung gewesen wäre.
Mein Ziel ist es, Donnerstag in der sympathischen Hauptstadt Uruguays anzukommen. Bis dahin sind es noch 3 Tage und 1.858 km. Das ist zu schaffen denke ich und lasse mir dies von der Frau bei der Touristeninformation bestätigen. Die runzelt die Stirn und fragt, ob ich wirklich Montevideo in Uruguay meinen würde, bevor sie mir erklärt, dass ich schon Dienstagabend (also morgen) los muss, als ich ihre Frage zuvor euphorisch mit „sí sí“ beantwortet hatte. Lukas und ich suchen uns ein Hostel, in dem wir alleine mit noch einem deutschen Pärchen sind. Die Stadt scheint ausgestorben, niemand ist auf den Straßen und der lethargische Rezeptionist findet es auch eher komisch, dass es Touristen nach San Juan verschlägt.
Durch Lukas Reiseführer habe ich mir in den Kopf gesetzt, mich auf die Spuren einer längst vergangenen Zeit zu begeben. Diese findet man im Valle de la Luna „nur“ 300 km entfernt von San Juan in Form von ca. 230 Millionen Jahre alten Fossilien und den ältesten Dinosaurierknochen, die je gefunden wurden. Unser Plan, einen auf Easy Rider zu machen und alleine mit dem Motorrad durch die wüstenähnliche Landschaft zu knattern, scheitert, da wir trotz aller guten Kontakte niemanden finden, der uns ein Motorrad vermietet, verkauft oder verschenkt.
Wir treten die Reise also Dienstagmorgen mit einem Guide an. Wieder werde ich von dem Piepsen des Handys geweckt, denn der Zeitplan ist straff. Schließlich sind 600km an einem Tag zurückzulegen, bei gefühlten 40°C im Schatten und ich will ja abends einen Bus nehmen, um mich meinem Zielland Uruguay etwas anzunähern.
Die Landschaft ist atemberaubend. Am Horizont sieht man die Berge und davor eine Wüstenlandschaft mit Kakteen, zwischen denen ab und zu Lamas hervorschauen. Wieder sind wir wie alleine auf der Welt. Einmal halten wir an, um der verschluckenden Stille zu lauschen, die uns umgibt. Dabei fühle ich mich auf einmal ganz klein, denn diese Ruhe ist so viel imposanter als alle Hochhäuser einer Großstadt.
Untypisch für mich bin ich am Ende des Tages gut in der Zeit und komme erschöpft, aber glücklich am Busbahnhof an. Ich verabschiede mich von Lukas und setze meine restliche Reise alleine fort. Im Bus, der mich über Nacht nach Córdoba bringt, habe ich wieder einen Platz in der ersten Reihe. Diesmal fahre ich allerdings nicht aufmerksam mit, sondern schlafe direkt ein und werde erst wieder vom Regen wach, der morgens früh an die große Windschutzscheibe prasselt. So werde ich in der Provinzhauptstadt empfangen, in der ich einen ganzen Tag verbringen werde, ehe es abends mit einem anderen Bus und wieder über Nacht nach Montevideo geht.
Als ich aussteige ist es schwül und es nieselt noch. Alles ist grau und es riecht nach aufgeweichtem Müll. Ich lasse meinen Rucksack in einem Schließfach und bin irgendwie froh ein bisschen alleine zu sein und mit niemandem reden zu müssen. Noch ist die Wolkendecke nicht aufgerissen, aber ich mache mich trotzdem auf den Weg ins Zentrum. Als ich an der Plaza de la Independencia angekommen bin, erinnert nur die nasse Straße an den Regen. Ich kaufe mir einen Kaffee zum Mitnehmen und suche mir eine Bank auf dem Platz.
Córdoba meint es nicht gut mit mir. Es fängt wieder an zu regnen, ich werde von Taubenmist getroffen, ich schütte mir vor Schreck die Hälfte des Kaffees übers Bein und als ich mir eine andere Bank suche, setze ich mich in ein Kaugummi. Jetzt kann der Tag wenigstens nur noch besser werden, denke ich und muss lächeln als endlich die ersten Sonnenstrahlen hervorblitzen. Ich lasse mich ein wenig durch die erwachende Stadt treiben, kaufe Weihnachtsgeschenke und höre einem Straßenmusikanten zu, der wahrscheinlich ohne es zu wissen, die Deutsche Nationalhymne spielt.
Obwohl ich den ganzen Tag Zeit hatte und nicht aufgehört habe die Stunden zu zählen, bis endlich der Bus losfährt, der mich über Nacht nach Montevideo bringen sollte, komme ich erst in letzter Minute zum Busbahnhof und schaffe es natürlich nicht, mich auf einem der Klos noch schnell umzuziehen. Doch irgendwie ist mir alles egal. Es geht nach Hause! Uruguay erwartet mich! Ich falle müde auf meinen Platz am Fenster uns spüre sofort wie sich meine Haut bei der klimatisierten Luft abkühlt. Deshalb ziehe ich meine Jacke an und mache die Augen zu, in der Hoffnung sie erst beim Grenzübergang wieder zu öffnen. Doch das sollte noch einige Zeit dauern. Ich merke, was es heißt Geduld zu haben und stelle wieder fest, dass man besser keine Pläne macht, da eh alles ganz anders kommt.
Durch den Regen sind alle Straßen überschwemmt, sodass wir nicht weit kommen und eine ganze Nacht warten müssen, um weiterfahren zu können. Als es langsam hell draußen wird, sieht man, dass die Autobahn einem Fluss ähnelt und ich verabschiede mich von der Idee Donnerstagmorgen in Montevideo zu sein, denn es ist bereits Donnerstagmorgen und es warten noch ca. 10 Stunden Fahrt auf mich. Deshalb verabschiede ich mich direkt von der Idee überhaupt Donnerstag in Montevideo zu sein. Glücklicherweise nehmen es alle Mitreisenden recht gelassen. Wir steigen aus und wieder ein, vertreten uns die Beine, essen was, machen Fotos und führen erstaunlich gute und sehr interessante Gespräche.
Kurze Zeit später als alle hoffnungsvoll wieder in den Bus gestiegen waren, darf ich noch lernen, was ein „piquete“ ist. Für alle die es nicht wissen, ist es besser es hier zu lesen, als es wirklich zu erleben. Es ist quasi eine illegale Straßensperrung mit Demonstrationen, die für uns bedeutet, dass wir uns weiterhin die Füße vertreten können, noch mehr Fotos machen können und noch ein bisschen besser unseren Sitznachbarn kennen lernen können. Als wir in Rosario, der Geburtsstadt Messis und gerade mal 407 km von Córdoba entfernt ankommen, waren wir seit 24 Stunden unterwegs.
Als wir die Stadt dann hinter uns lassen, kommen wir dem Grenzübergang endlich näher. Ohne weitere Zwischenfälle hatte ich um 4 Uhr in der Nacht von Donnerstag auf Freitag endlich meinen Stempel im Reisepass, der mich in Uruguay willkommen hieß. Ich atmete tief durch uns genoss das Gefühl anzukommen.
Ich verbringe Freitag und Samstag in der Hauptstadt und verlor mich ein bisschen in ihrer Anonymität bis ich guter Dinge in den nächsten Bus steige, um nach Nueva Helvecia zu fahren, wo ich erwartet werde.
Als ich endlich wieder die Plaza de los Fundadores überquere, grüße ich den Kioskbesitzer und eine Ecke weiter den Eisverkäufer. Ich gehe in die kleine Wohnung, in der ich mit Elisa wohne. Wir setzen uns auf den Balkon, trinken Mate und quatschen. Ich lausche den Stimmen auf der Straße und den vorbeifahrenden Mofas. Es ist schon dunkel, aber die Hitze vom Tag noch zu spüren. Es kommt mir vor als wäre ich Ewigkeiten weg gewesen und bin glücklich zurück zu sein.
Weihnachten fühlte sich nie weniger weihnachtlich an!
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